Baltic Waldorf Youth Conference 2019

Baltic Waldorf Youth Conference 2019

Die Waldorf-Stiftung hat durch einen Zuschuss die Baltic Waldorf Youth Conference 2019 unterstützt.

Bericht einer Teilnehmerin:

Im Jahr 2017 hatten Liva, Lasma und Leonard (ehemalige Waldorfschüler*innen der Adazi Free Waldorf School) eine wesentliche Erfahrung: Waldorfschüler*innen bilden ein Netzwerk, das über die ganze Welt reicht. Und eine zweite: In diesem Netzwerk gibt es Initiativen, die sich sinnvoll in der Welt engagieren. Und eine dritte: In diesen Initiativen sind Menschen zu finden, die ganz aus ihrem Potential, aus ihrem höheren Selbst schöpfen und handeln.
Und dann war da die Frage: Warum sind wir während unserer gesamten Schulzeit nicht ein einziges Mal mit diesem Netzwerk, diesen Initiativen und diesen Menschen in Berührung gekommen? Warum gibt es das in Lettland nicht?
Daraufhin die Feststellung: Wir wollen und brauchen das auch!
Daraus folgte eine Tat: Die Baltic Waldorf Youth Conference Ende März 2019. Die ersten Fäden dieses Netzwerkes wurden von 55 Schüler*innen und 6 Lehrer*innen aus Lettland, Litauen und Estland und dem Organisationsteam gesponnen.
Und, da ich mit dabei war, kann ich schreiben: Dieser Anfang war ein echtes Erlebnis, eine Begegnung mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Welt - ein großes Fest!

Ein echtes Erlebnis

Während der gesamten Konferenz wurde selbst in den Vorträgen (ein Vortrag ausgenommen) nicht theoretisch über etwa gesprochen, sondern das, worüber gesprochen wurde, wurde im Raum und im Zwischenmenschlichen erlebbar. Ein Beispiel: Gehen wir davon aus, dass in der Welt ein permanenter Mangel herrscht? Oder ist in der Welt genug da? Ist die Welt ein friedlicher Ort für mich? Oder muss ich mich vor den Menschen schützen, weil die Welt eine feindliche ist? Es hat mich beeindruckt, wie ein Referent in seinem Vortrag diesen vier Fragen jeweils einen Platz im Raum zugewiesen hat. Gemeinsam sind wir von Platz zu Platz gegangen, wodurch die verschiedenen Qualitäten dieser Weltsichten unmittelbar spürbar wurden. Stand ich in dem Bereich, in dem die Welt eine feindliche ist, so wurde meine Nachbarin mir schnell zum Ärgernis. Wie anders war das doch an der Stelle zu stehen, wo genug für alle da war. Deutlich wurde dabei, dass ich selbst es bin, die abgesehen von der räumlichen Ausrichtung, sich auch im Inneren ausrichtet. Die Feindlichkeit in der rechten Ecke des Raumes ist da nicht per se, sondern nur dadurch, dass ich sie als solches anerkenne. Das als Fähigkeit, die der Mensch jederzeit einsetzten kann, im positiven wie im negativen, war eine wesentliche Erfahrung.

Begegnung mit sich selbst und den anderen – und der dazugehörige Mut

„Was will ich im Leben? Was sind meine Fähigkeiten? Was sind meine Träume? Was will mein soziales Umfeld für mich? Kann ich wirklich unabhängig von diesem eine Entscheidung treffen?“ In fünf verschiedenen Workshops wurden diese Fragen mit unterschiedlichen Methoden aufgegriffen. Da waren zwei junge Künstlerinnen, die mit Tanz und Pantomime den Schüler*innen und Lehrer*innen ermöglichten, Erlebtes oder in ihnen schlummernde Träume und Wünsche ohne das gesprochene Wort zum Ausdruck zu bringen. In einem anderen Workshop wurde dieser Weg über die kreative Arbeit an der eigenen Heldenreise begangen. In allen Workshops, so schien es mir, brauchten die jungen Menschen Mut, um sich auf das Angebot der Workshopleitenden einzulassen und ein Schritt in Richtung „ich selbst“ und die Gruppe zu gehen. Immer war das Geschehen aber von einer großen Freude am gemeinsamen Tun, am Interesse an den anderen, einer Ehrlichkeit aneinander und einer Offenheit füreinander geprägt. Ich persönlich war sehr beeindruckt mit welchem Mut diese jungen Menschen sich in diesen Tagen gezeigt haben und kann ihnen nur wünschen, dass dieser sich durch ihr Leben durchzieht!

Ein Fest

Passend zu 100 Jahre Waldorf war die ganze Konferenz ein großes Fest. Die anwesenden Menschen konnten nach einem ernsthaften Vortrag am Abend über Geld eine solche Lebensfreude aufbringen, dass innerhalb von wenigen Minuten alle (!) tanzten. Selbstverständlich ohne Alkohol. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das auf irgendeiner Konferenz schon einmal erlebt habe. Ebenso sehr besonders für mich, war es zu erleben, welch lebendiges Verhältnis die Schüler*innen mit den Lehrer*innen hatten. Dies wurde beim bunten Abend sehr schön sichtbar. Eine Lehrerin, die hörbar keine Musiklehrerin war, versuchte ein Lied mit der gesamten Gruppe anzuleiten. Sofort standen ihr Schüler*innen zur Seite, die das Lied kannten und unterstützten tatkräftig das Dirigieren des Liedes. Es war nicht perfekt, aber es war so menschlich und alle waren dabei. Einen so vielfältig reichen bunten Abend, bei dem jeder Beitrag so viel Wertschätzung erfuhr, habe ich lange nicht erlebt.

Lydia Roknic